Marktbericht: Globale Protein-Nachfrage hält an

Henning Raesfeld

2020 war in jeglicher Hinsicht ein interessantes Jahr. Im Frühjahr sah es noch, abgesehen von den gewohnten trump‘schen Störfeuern, nach einem aus fundamentaler Sicht relativ normalen Jahr ohne größeren Bestandsabbau aus. Der Fokus lag klar auf den möglichen Auswirkungen der Corona-Pandemie und der Afrikanischen Schweinepest. Allerdings wurden die weitreichenden Auswirkungen des US-Chinesischen Handelsstreits, die politischen Unsicherheiten in Argentinien sowie die asiatische Nachfrage zunächst vom Markt und den Börsen weitestgehend ignoriert und unterschätzt.

Sojabohnen nach China

Fast schon still und leise wurde unterdessen in Brasilien ein Panamax-Schiff nach dem anderen randvoll mit Sojabohnen Richtung Asien abgewickelt. Der überwiegende Teil der Rekordexportmenge von mehr als 82 Millionen Tonnen Sojabohnen ging nach China, begünstigt durch chinesische Importzölle auf US-Bohnen und eine schwache brasilianische Währung. Anteilig wurden darum sogar teure nGVO-Bohnen, die eigentlich für Europa vorgesehen waren, nach China verkauft. Die Verknappung in diesem Sektor erleben wir dieser Tage mit nGVO-Prämien von bis 130 Euro pro Tonne für vordere alterntige Ware.
Hauptgründe für die massive Nachfrage waren die schnelle Erholung der Schweinebestände in China auf momentan geschätzte 85 bis 90 Prozent vor ASP-Niveau – und eine intensivere Tierhaltung in bis zu 15-stöckigen Ställen.

Allein in China wird der Sojaschrotkonsum in nur zwei Jahren von rund 66,5 Millionen Tonnen im Wirtschaftsjahr 2018/19 auf geschätzte 79 Millionen Tonnen in 2020/21 wachsen. Ab Mitte 2020 wechselte der Markt, nicht zuletzt auch wegen der physischen Abwesenheit Argentiniens, von einem Angebotsmarkt zu einem Nachfragemarkt mit weltweit fallenden Endbeständen und entsprechenden Auswirkungen. Dies betrifft faktisch nicht nur den Ölsaatenbereich, sondern auch das Getreide mit seinen Koppelprodukten.

Global weniger Bestände

Bei den Sojabohnen sanken die ehemals komfortablen weltweiten Endbestände in den vergangenen zwei Jahren von 113 Millionen Tonnen auf 86 Millionen Tonnen. Eine schlechte oder auch nur zufriedenstellende Ernte in Südamerika aufgrund eines aus meteorologischer Sicht günstigen „La Niña“-Wetterphänomens (Trockenheit im Süden Südamerikas) könnten wir uns auch aufgrund weltweit enger Agrarbilanzen nicht leisten. Dass Brasilien als größter Sojabohnenexporteur momentan größere Mengen aus Nachbarländern und sogar den USA importieren muss, spricht für sich. Die brasilianischen Endbestände sind auf dem Papier nahezu bei Null, und wir brauchen eine Ernte von mindestens 130 Millionen Tonnen, um die Nachfrage zu befriedigen. Aus dem angrenzenden Argentinien wird wohl auch 2021 keine Entspannungshilfe zu erwarten sein, obwohl es als weltweit einziges Land mit komfortablen Endbeständen in die neue Saison geht. Mit Blick auf politische Gegebenheiten werden die Landwirte dort ihre Rohstoffe voraussichtlich auch in diesem Jahr lieber als Inflations- und Devisenhedge zurückhalten.

Die argentinische Abwesenheit im Sojamarkt spüren neben Brasilien in starkem Maße auch die USA; die immense Exportnachfrage wurde trotz des „China-US-Deals“ unterschätzt. Hinzu kam eine ebenso unterschätzte lokale amerikanische Nachfrage nach Sojaschrot und Sojaöl. Die US-Exportlogistik arbeitet am Limit – und auch hier fallen die Endbestände stark. In Kombination mit der südamerikanischen Problematik und sogenanntem „Fresh-Money“ aus anderen Märkten führte und führt dies zu steigenden Kursen an der Warenterminbörse in Chicago und einem aktuell anhaltenden technischen Aufwärtstrend.

Fallende Preise sind fraglich

Wird Soja 2021 noch teurer oder aber preiswerter? China wird auch 2021 der bestimmende Faktor im globalen Agrarmarkt bleiben. Die Gretchenfrage hierbei ist, ob die Chinesen wirklich so viel für den eigenen Bedarf brauchen wie vorausgesagt. Kaufen können sie größere Mengen Sojabohnen für 2021 momentan nur in Brasilien und den USA. In Brasilien wiederum werden sich die Landwirte wohl erst einmal etwas zurücklehnen, da sie aufgrund des schwachen Reals in 2020 schon knapp 62 Prozent ihrer kommenden Ernte vorverkauft haben. Entsprechend dürfte auch der speziell für diese Jahreszeit untypisch hohe Export der USA vorerst weiterehen. Das alles zusammengenommen spricht erst einmal nicht für fallende Preise. Um den momentanen Aufwärtstrend zu brechen und das Preisniveau zu drücken braucht es aus fundamentaler Sicht zuallererst sehr gute Ernten in Südamerika und ein Wiedererscheinen Argentiniens am Exportmarkt sowie eine Ausdehnung der Sojabohnenanbauflächen, einschließlich sehr guter Ernteaussichten in den USA.

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