Wie schätzen Sie die aktuelle Situation auf den Agrarmärkten ein?
Jan Heinecke: In dieser turbulenten Zeit ist die aktuelle Situation auf den Agrarmärkten sehr schwierig einzuschätzen. Die vergangenen Wochen waren geprägt von vielen politischen Störfeuern, die nicht nur kurzfristig, sondern auch mittelfristig die Versorgungslagen beeinflussen können. Ein Beispiel für die aktuelle Unsicherheit ist die Situation im Rapsmarkt. Kauft China weiter RapsRaps ist eine Pflanzenart und eine wirtschaftlich bedeutende Nutzpflanze. aus Kanada? Oder gibt es einen zusätzlichen Importzoll? Die Unsicherheit über die künftige Importnachfrage Chinas ist die große Gewitterwolke, die über dem globalen Rapsmarkt hängt und zu einem starken Einbruch der globalen Rapssaatnachfrage führen könnte.
Jan Heinecke, Vorstand AGRAVIS
Das ganz große Thema ist weiterhin der Handelsstreit der USA mit fast dem Rest der Welt. Was passiert nun in der EU? Kommt ab Juli 2025 wieder ein hoher Einfuhrzoll auf US-MaisMais ist eine Pflanzenart und gehört zur Familie der Süßgräser. ? Dieser würde das Futtergetreide tendenziell eher verteuern, weil die USA derzeit ausreichend alternative Absatzmärkte für ihren Mais aufzeigen können.
Eine andere Unsicherheit: Die globale Weizennachfrage im laufenden Wirtschaftsjahr fällt signifikant im Vergleich zu den beiden Vorjahren. Aktuell ist 2024/25 der stärkste Nachfrageeinbruch aus den Exportländern zu verzeichnen seit der großen Finanzkrise 2008. Die ersten Anzeichen für einen Nachfrageanstieg sind zwar zu beobachten, jedoch ist ein genaueres Bild erst im Sommer oder Frühherbst wirklich erkennbar.
Die Themenliste ließe sich noch um sehr viele Punkte erweitern. Daher wäre es für den Agrarmarkt sehr gut, wenn ab Juli mehr Klarheit über die zukünftige Zollpolitik auf der globalen politischen Bühne herrschen würde.
Die Spirale von Zöllen und Gegenzöllen scheint für den Moment zum Stillstand gekommen sein. Lässt Sie das ruhiger schlafen?
Heinecke: Kurzfristig ja, aber wichtig ist: Noch ist die KuhDie Kuh ist ein weibliches Hausrind nach der ersten Kalbung. – oder die ganze Kuhherde – nicht vom Eis. Die USA müssten in den kommenden 90 Tagen sehr viele Verhandlungen mit sehr vielen Ländern führen. Allen voran der Konflikt mit China scheint sich weiter zuzuspitzen. Das knappe Zeitfenster von 90 Tagen und die Schlagzeilen um weitere Zölle oder Auftragsstornierungen machen die Verhandlungen um neue Handelsabkommen zu einer enormen Mammutaufgabe. Erst wenn wirklich neue Handelsabkommen geschlossen sind, dürfte Beruhigung in die MärkteDie AGRAVIS ist im Bereich Märkte als Einzelhändler und als Großhändler und Konzeptanbieter aktiv. kommen. Bis dahin überwiegt eine hohe Volatilität an den Börsen und die Sorge vor einer globalen Rezession.
Die FAO schätzt, dass die globale Getreideproduktion in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2020/21 nicht zur Bedarfsdeckung ausreicht. Ein Alarmsignal?
Heinecke: Ja, auf jeden Fall ein kleines Alarmsignal. Die globalen Versorgungsbilanzen sind schon seit 2018/19 sehr anfällig für Angebotsschocks oder auch Nachfrage-überhänge und können 2025/26 keine signifikanten Ernteverluste auffangen. In den vergangenen Jahren konnten Ertragsverluste bei der einen Getreideart durch sehr gute Erträge bei einer anderen Getreideart, allen voran beim Körnermais, ausgeglichen werden. Jetzt sind die Bestände aber so weit runtergefahren worden, dass sehr hohe Ertrags-verluste beim Weizen in einem großen Exportland wie Australien, der EU oder Russland nicht durch andere Ursprünge oder Getreidearten aufgefangen werden können. Wenn in den USA nicht wieder ein überdurchschnittlich hoher oder gar ein Maisrekordertrag eingefahren wird, fehlt der Welt ein großer, sehr wichtiger Anbieter. Eine kleine Zahlenspielerei: Ein Rückgang des Maisertrages in diesem Jahr in den USA um 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr senkt die Produktion um gut 10 Mio. Tonnen – trotz einer starken Flächenausdehnung. Ein Rückgang um 10 Prozent lässt die Maisproduktion um eine jährliche deutsche Weizen- und Gerstenproduktion sinken (30 Mio. Tonnen). Daher sollten die weiteren Wachstumsbedingungen für Getreide, allen voran in Europa und den USA, genau im Auge behalten werden.
Welche Anbauregionen stehen in diesem Wirtschaftsjahr besonders im Fokus?
Heinecke: Für die globale Getreideversorgung rücken vor allem die Weizenproduktion in Russland und die US-Maisproduktion in den Fokus. Für eine Verbesserung der Versorgungslage in der EU sind sehr gute Ernten in Frankreich und Deutschland nötig. In Russland sind die Weizenvorräte nach zwei sehr guten Ernten im laufenden Wirtschafts-jahr so stark abgebaut worden, dass erst durch eine sehr gute Ernte 2025 die hohen Exporte der Vorjahre gehalten werden können. Russland deckt rund 25 Prozent der globalen Exportnachfrage. Ähnlich das Bild beim Körnermais. In Südamerika wird immer mehr Mais zur Ethanolproduktion verwendet; das senkt das Exportpotenzial der Region. In den USA reichte 2024 nicht einmal ein Rekordertrag aus, um dort einen Bestandsabbau zu verhindern. In der EU konnten die hohen Angebotslücken resultierend aus den Ernteverlusten 2024/25 durch eine geringe Weizenexportnachfrage in Drittländer aufgefangen werden. Unter normalen Bedingungen aber dürfte Westeuropa in diesem Jahr wieder eine gute Weizenproduktion einfahren. Alleine die Anbaufläche zur Ernte 2025 in Frankreich und Deutschland zusammen sollte um fast 1 Mio. ha im Jahresvergleich gestiegen sein.
Wo sehen Sie die größten Nachfrageimpulse?
Heinecke: Aktuell sehr auffällig ist die gute Nachfrage aus dem Futtersektor. Das betrifft eigentlich alle EU-Länder. Weltweit rückt das Augenmerk weniger nach China, sondern mehr nach Pakistan und in die Türkei. Wegen hoher Ertragsausfälle bzw. sehr starker Frostschäden könnten diese beiden Länder 2025/26 als größere Importeure von Weizen zurückkommen. Ein Anstieg der chinesischen Nachfrage wäre natürlich ein großer psychologischer Faktor für viele Marktteilnehmer, vor allem für den französischen Getreidemarkt. Dieser hatte sich seit 2020 sehr stark auf die Nachfrage Chinas von Gerste und Weizen ausgerichtet. China ist aber weiter die große Black Box. Vielleicht führt die schon länger anhaltende Hitzewelle jetzt im April im Weizengürtel Chinas zu Ertragsverlusten. Das wäre das einfachste Bild, eine Importnachfrage Chinas besser vorherzusehen. Doch für ein solches Szenario ist es derzeit viel zu früh.
Was erwarten Sie für den Biodieselmarkt in diesem Jahr?
Heinecke: Dieser Markt kann 2025 noch überraschen. In den USA sind die Diskussionen in vollem Gange, um die Beimischungsziele kräftig zu überarbeiten und vielleicht auch deutlich zu erhöhen. Im Juni könnte die US-Regierung dazu ein klares Bild veröffentlichen. In der EU könnte auch wieder mehr Rapsöl im Biodieselmarkt verwendet werden, wenn tatsächlich der Import von falsch deklarierten Biokraftstoffmengen aus China unterbunden wird. Dazu bedarf es behördlicher Kontrollen im Ursprungsland, andernfalls dürften diese Mengen aus meiner Sicht nicht auf die
THG-QuoteSchauen wir auf die Ernteerwartungen in Deutschland: Wie sehr haben Sie den Regen herbeigesehnt, der dann kurz vor Ostern endlich fiel?
Heinecke: Der April macht ja bekanntlich, was er will. Die trockene Wetterlage in diesem Frühjahr hat zu einer zügigen Frühjahrsbestellung geführt. Das kannten wir hierzulande gar nicht mehr nach den nassen und kühlen Frühjahren 2023 und 2024. Der Regen kam in vielen Regionen noch zeitig, um das Wachstum zu stimulieren. Doch in anderen wichtigen Anbauregionen der Republik ist er nicht angekommen. Das betrifft vor allem den Osten. Die Winterkulturen an sich sind sehr gut durch die kalte Jahreszeit gekommen. Aber die lange TrockenheitDie Themen Hitze und Trockenheit werden im Rahmen des Klimawandels immer bedeutender. bis Mitte April hat erste Spuren hinterlassen. Der Raps soll auf den leichten Standorten schon gelitten haben. Auch die Wintergerste reduziert Nebentriebe. Dennoch kann Regen im Mai, den wir weiterhin dringend brauchen, noch einiges kompensieren. Die Ernteaussichten bleiben für Getreide aktuell weit über dem sehr schwachen Vorjahresniveau. Die Weizenerzeugung könnte 2025 in Deutschland auf über 21 Mio. Tonnen steigen, die Gerstenproduktion auf über 10 Mio. Tonnen wachsen. Das hilft, die Bestände in Deutschland wieder aufzubauen. Grundsätzlich aber bleibt festzuhalten: Impulse für signifikante Preisveränderungen können nur durch starke Angebots- oder Nachfrageveränderungen aus dem Weltmarkt kommen.
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