Die anhaltend niedrigen Pegelstände auf wichtigen Wasserstraßen erschweren die Logistik in der Agrar- und Futtermittelbranche. Am Oberrhein können Schiffe derzeit nur noch etwa ein Drittel, am Niederrhein rund die Hälfte ihrer üblichen Ladung aufnehmen. Dadurch wird deutlich mehr Schiffsraum gebunden, zugleich wird der Wechsel zwischen Rhein und Kanalgebiet schwieriger.
Im Interview ordnen Thomas Wiggering und Jens-Oliver Oster aus dem Bereich
Herr Oster, Herr Wiggering, die Pegelstände auf Rhein und Donau fallen weiter. Halten Sie die Versorgung der AGRAVIS-Futtermittelwerke dennoch für gesichert?
Thomas Wiggering: Die Versorgung der AGRAVIS-Futtermittelwerke ist grundsätzlich weiterhin sichergestellt. Allerdings muss man zwischen Getreide und Ölschroten unterscheiden. Bei Getreide ist AGRAVIS durch die niedrigen Pegel vom Kleinwasser kaum betroffen, da die Landwirtinnen und Landwirte die Ware in der Regel direkt anliefern. Viele Getreidetransporte laufen zudem innerhalb des Kanalgebietes, zum Beispiel aus Salzgitter und Magdeburg, und sind vom niedrigen Rheinwasserstand nicht betroffen. Die meisten unserer Futtermittelwerke sind daher aktuell nicht eingeschränkt. Stärker betroffen sind vor allem die AGRAVIS-Standorte Neuss und Wiesbaden.
Anders stellt sich die Lage bei Ölschroten dar, insbesondere bei Rapsschrot. Dieses kommt häufig von Ölmühlen, die am Rhein liegen. Grundsätzlich ist die Schifffahrt aber noch möglich, sodass wir die Ware weiterhin liefern können. Wir setzen aber schon jetzt ergänzend Lkw-Ware ein.
Welche Rolle nehmen Lkw-Transporte künftig ein, wenn Schiffe weniger Ladung aufnehmen können?
Jens-Oliver Oster: Eine vollständige Verlagerung der Transporte auf Lkw wäre nicht machbar. Dafür wären bei größeren Mengen sehr viele Fahrzeuge nötig. Zum Vergleich: Für eine Schiffsladung wären etwa 40 Lkw-Ladungen nötig. Hinzu kommt, dass derzeit Erntezeit ist und die Möglichkeiten zur zusätzlichen Lkw-Disposition begrenzt sind. Auf kurzen Strecken, etwa von Neuss nach Dorsten, kann der Transport per Lkw zwar inzwischen günstiger sein als per Schiff. Insgesamt bleibt die Verlagerung auf die Straße aber nur eine ergänzende Lösung.
Logistisch anspruchsvoll wird die Situation vor allem dadurch, dass für die gleiche Transportmenge wegen der geringeren Abladetiefe ungefähr die doppelte Anzahl an Schiffen benötigt wird. Für 1.500 Tonnen Ware sind derzeit mindestens drei statt zwei Schiffe erforderlich. Eine nachhaltige Entspannung ist nur bei flächendeckenden Niederschlägen zu erwarten. Ein Indikator für den Rhein ist der Wasserstand am Bodensee – und der befindet sich aktuell auf historischem Tiefststand. Einzelne Gewitter reichen daher nicht aus, weil die Pegel danach schnell wieder sinken. Ohne nennenswerte Niederschläge im August könnte sich die Lage weiter verschärfen.
Was bedeutet die Lage für die Kosten der Schiffstransporte?
Oster: Die Kostenentwicklung wird vor allem durch steigende Kleinwasserzuschläge (KWZ) und höhere Gasölpreise bestimmt. Die Schiffe erhalten KWZ für den Verlust der Lademenge; dadurch steigen die Frachten teilweise nahezu auf das Doppelte. Für Transporte über den Rhein aus den Seehäfen sind die Frachten bereits um 70 bis 80 Prozent gestiegen, betroffen sind insbesondere die Werke in Neuss und Wiesbaden. Bei den anderen Werken wirken sich die niedrigen Wasserstände vor allem indirekt über einzelne Teilstrecken über Kleinwasser und die allgemeine Marktlage aus.
Hinzu kommen Gasölzuschläge: Diese fallen seit Anfang März an, und in den vergangenen zwei Wochen ist der Gasölindex nochmals um rund 30 Prozent gestiegen. Im Vergleich zu Anfang März liegen die Zuschläge für Gasöl seit Kriegsbeginn um etwa 20 Prozent höher.
Wiggering: Einige AGRAVIS-Standorte wie in Dörpen, Leer und Oldenburg lassen sich über die nördliche Route, sprich das Ijsselmeer, anfahren. Aus den Seehäfen in Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen und Gent kommt beispielsweise ein Teil der Ölschrote. Auf der Strecke fallen zwar auch Aufschläge an. Sie liegen allerdings deutlich unter denen für die Rhein-Touren.
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