Zwischen globalen Krisen, Angebotswende und neuen Marktchancen: Die diesjährige globale Getreideversorgungslage 2026/27 definiert sich offenbar stärker über das Angebot als über die Nachfrage. In diesem Bericht wirft Bernhard Chilla, Marktanalyst der AGRAVIS, einen Blick auf den deutschen und internationalen Getreidemarkt im Wirtschaftsjahr 2026/27. Diese Analyse erscheint auch in der Fachzeitschrift "Land & Forst" im Frühjahr 2026.
Die 2020er Jahre zeigen bislang ihre dunkle Seite. Im Vergleich zu den beiden Jahrzehnten davor ist die weltwirtschaftliche Entwicklung von einer außergewöhnlichen Häufung globaler Krisen geprägt. Kaum ist eine Krise bewältigt, folgt die nächste. Auf die Corona-Pandemie mit ihren massiven Unsicherheiten für die globale Nachfrage folgte eine Angebotskrise durch den Krieg in der Ukraine. Mit dem Krieg im Nahen Osten ist zuletzt ein weiterer geopolitischer Konflikt hinzugekommen, der erneut das Potenzial für eine längerfristige EnergieMobilität, Wärme und Strom sind ein bedeutendes Element für ein modernes Leben.- und Düngemittelkrise birgt. Die Vielzahl globaler Krisenherde sorgt für anhaltende Unsicherheit – nicht nur in der Industrie, sondern auch auf den internationalen Agrarmärkten.Diese und alle weiteren wichtigen Begriffe finden Sie in unserem Glossar
Verstärkt wird diese Unsicherheit durch zunehmende handelspolitische Spannungen, insbesondere zwischen den USA und China. Das mit Spannung erwartete Treffen beider Länder im Mai könnte richtungsweisend für die globale Wirtschaftsentwicklung sein. Ein neues Handelsabkommen würde eine zentrale Unsicherheitsquelle beseitigen und auch dem AgrarhandelDer Agrarhandel ist ein wesentlicher Bestandteil des Agribusiness. neue Impulse geben. Gleichzeitig reagieren viele Regierungen auf die Krisen mit steigender Staatsverschuldung. Besonders in den USA wächst der Schuldenberg stark an. Dies hat zuletzt zu einer Schwächung des US Dollars geführt, während der Euro an Wert gewonnen hat. Ein schwächerer Dollar erleichtert zwar die Getreideeinfuhren in die EU, erschwert aber zugleich die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Exporte – insbesondere bei WeizenWeizen sind verschiedene Pflanzenarten der Süßgräser. und Futtergerste
Ein Blick zurück auf das Wirtschaftsjahr 2025/26 ist entscheidend für das Verständnis der aktuellen Marktsituation. Der internationale Getreidemarkt war eindeutig von außergewöhnlich hohen Ernten geprägt – vor allem bei Weizen und Körnermais. In der EU inklusive Großbritannien erreichte die Weizenproduktion (ohne Hartweizen) mit rund 148 Mio. Tonnen den höchsten Stand seit 2015. Das entspricht einem Zuwachs von etwa 24 Mio. Tonnen gegenüber dem Vorjahr. Auch außerhalb der EU wurden Rekorde erzielt: Argentinien erntete mit rund 28 Mio. Tonnen so viel Weizen wie nie zuvor, Australien fuhr mit 36 Mio. Tonnen die zweithöchste Weizenernte seiner Geschichte ein. In Russland und Kasachstan zusammen stieg die Weizenproduktion um mehr als zehn Millionen Tonnen gegenüber dem Vorjahr. Noch deutlicher fiel der Produktionsanstieg beim Körnermais aus. In den USA wuchs die ErnteDie Ernte beschreibt alle Arbeiten zum Einbringen landwirtschaftlicher Gewächse und Früchte. im Vergleich zum Vorjahr um fast 50 Mio. Tonnen, in Brasilien um etwa 15 Mio. Tonnen und in Argentinien um weitere zehn Mio. Tonnen. Insgesamt produzierten die wichtigsten Exportländer für Weizen und MaisMais ist eine Pflanzenart und gehört zur Familie der Süßgräser. rund 130 Mio. Tonnen mehr als im Vorjahr – ein bisher einmaliger Anstieg, der die internationalen Preise deutlich unter Druck setzte.
Diese und alle weiteren wichtigen Begriffe finden Sie in unserem GlossarEin stärkerer Preisverfall wurde allerdings dadurch verhindert, dass die globale Nachfrage ebenfalls stark anzog. Für nahezu alle wichtigen Getreidearten wurde im laufenden Wirtschaftsjahr ein neuer Exportrekord erwartet. Auffällig ist, dass dieser Nachfrageanstieg nicht primär von China ausging, sondern vor allem von Ländern in Asien, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Afrika. Der globale Handel mit Weizen, Mais und GersteDie Gerste ist eine Pflanzenart, die zur Familie der Süßgräser zählt. dürfte 2025/26 um fast 40 Mio. Tonnen gegenüber dem Vorjahr zulegen – ein Zuwachs, der selbst im Zehnjahresvergleich ohne Beispiel ist.
Diese und alle weiteren wichtigen Begriffe finden Sie in unserem GlossarIn Deutschland profitierte vor allem die Futtergerste von der lebhaften Nachfrage. Der Export verlief ausgesprochen dynamisch und konnte den hohen Produktionszuwachs aus der Ernte 2025 weitgehend ausgleichen. Anders stellte sich die Situation beim Weizen dar. Der deutsche Weizenexport blieb deutlich hinter den üblichen Niveaus zurück. Konkurrenz aus Argentinien und den USA war aufgrund der dortigen Rekordernten preislich klar im Vorteil. Der deutsche Markt behauptete sich dennoch, da ein größerer Teil des Weizens im Inland verfüttert wurde. Hintergrund war der fehlende Import von Körnermais, der normalerweise als günstige Futteralternative dient.
Trotz dieser Entwicklungen ist mit steigenden Weizenendbeständen in der EU und insbesondere in Deutschland zu rechnen. Der Export blieb insgesamt zu schwach, um das Angebotsplus vollständig abzubauen. Auch in anderen wichtigen Exportländern wie Argentinien, Australien und den USA werden höhere Endbestände erwartet als im Vorjahr. Diese Ausgangslage verändert jedoch nicht den grundsätzlichen Blick auf das kommende Wirtschaftsjahr: 2026/27 dürfte deutlich stärker von der Angebotsentwicklung geprägt sein als von der Nachfrage.
Die hohen Ernten und die daraus resultierenden niedrigen Preise führen in vielen Regionen der Welt zu einer Reduzierung der Weizenanbauflächen. Dies betrifft vor allem die USA, Kanada, Russland, Australien und Argentinien, wo sich der Anbau von Ölsaaten derzeit wirtschaftlich attraktiver darstellt. In der EU hingegen, unter anderem in Deutschland, Frankreich, Rumänien und Bulgarien, wird eher mit stabilen bis leicht steigenden Weizenflächen gerechnet. Besonders aufmerksam verfolgen Marktbeobachter die Entwicklung in Australien und Argentinien. In Australien kündigt sich mit El Niño eine Wetterlage an, die häufig mit TrockenheitDie Themen Hitze und Trockenheit werden im Rahmen des Klimawandels immer bedeutender. einhergeht. In solchen Jahren bevorzugen Landwirtinnen und Landwirte den Anbau von Gerste, die als deutlich trockentoleranter gilt als Weizen. In Argentinien wiederum verteuern hohe Düngemittelpreise den Weizenanbau, sodass viele Betriebe auf Gerste ausweichen. Marktbeobachter rechnen dort mit einem spürbaren Rückgang der Weizenfläche.
Zusätzliche Brisanz erhält die Lage durch die Wetterentwicklung in den USA. In den wichtigen Weizenanbaugebieten im Süden herrschen seit März ausgeprägte Trockenheit und Hitze. Erste Schätzungen gehen von einem Produktionsrückgang von bis zu zehn Prozent aus. Sollte sich dies bestätigen, würde auch der zuletzt gestiegene US‑Weizenexport wieder deutlich sinken.
Diese und alle weiteren wichtigen Begriffe finden Sie in unserem GlossarDer entscheidende Einflussfaktor für die globale Getreideversorgung bleibt jedoch der Körnermais. Besonders relevant ist das Anbauverhalten in den USA. Nach der Rekordfläche 2025 deutet sich für 2026 ein Rückgang der Maisanbaufläche an. Bereits ein Minus von einem Prozent würde – auf Basis der hohen Vorjahreserträge – einen Produktionsverlust von rund vier Millionen Tonnen bedeuten. Einige private Marktteilnehmer rechnen sogar mit einem Flächenrückgang von bis zu fünf Prozent. Zusätzlich rücken Brasilien und dortige Wetterrisiken in den Fokus. Verzögerungen bei der Sojabohnenernte führten zu einer verspäteten Maisaussaat, die nun auf eine trockene und sehr warme Wetterphase trifft. Gleichzeitig steigt der Maisverbrauch zur Ethanolproduktion im Inland deutlich an. Das könnte das brasilianische Exportpotenzial ab dem Sommer 2026 spürbar begrenzen. Fehlt Mais am Weltmarkt, steigt in der Regel der Futterweizenverbrauch. Sollte gleichzeitig auch Weizen knapper werden, eröffnen sich neue Exportchancen – auch für Deutschland.
Insgesamt spricht vieles dafür, dass sich die globale Getreideversorgungslage 2026/27 stärker über das Angebot als über die Nachfrage definiert. Erste Anzeichen für eine Angebotsverknappung sind vorhanden, doch noch ist keine Ernte eingebracht, teilweise nicht einmal ausgesät. Gleichzeitig lasten hohe Restbestände aus der Ernte 2025 auf dem Markt. Hinzu kommen geopolitische Unsicherheiten und ein weiterhin schwer einschätzbares Importverhalten vieler Länder in Asien und Afrika. Eine zentrale Rolle spielt dabei China. Steigende Inlandspreise deuten auf eine enger werdende Versorgung hin. Ein neues Handelsabkommen zwischen den USA und China könnte die Getreidemärkte nachhaltig beeinflussen. Der Mai dürfte nicht nur aus Wettersicht zu einem richtungsweisenden Monat für den Getreidemarkt im Wirtschaftsjahr 2026/27 werden.