Versorgungsbilanzen Getreide 2021/2022

Spannendes Wirtschaftsjahr

Bernhard Chilla, Marktanalyst bei der AGRAVIS Raiffeisen AG, blickt auf die veränderten Vorzeichen für Versorgungsbilanzen von Getreide und Raps im Wirtschaftsjahr 2021/22 und erwartet ein spannendes Jahr im Zusammenspiel mit den internationalen Märkten.

Getreidemarkt

Um einen Ausblick auf das kommende Wirtschaftsjahr zu wagen und eine mögliche Entwicklung für den deutschen Getreide- und Ölsaatenmarkt zu prognostizieren, sollten wir zunächst einen Blick zurück werfen. Das Wirtschaftsjahr 2020/21 in der Europäischen Union (einschließlich dem Vereinigten Königreich) war zu einem Teil durch ein unterdurchschnittliches Weizen- und Maisangebot beeinflusst, ausgelöst durch hohe witterungsbedingte Ertragsverluste in Frankreich, Rumänien, Bulgarien und England. Das Getreideangebot in der EU sank im Vergleich zu den Vorjahren erheblich. Zum anderen Teil war der Preisanstieg der hohen internationalen Getreidenachfrage geschuldet. Seit dem Herbst 2020 bestimmte die Nachfrage die internationale Preisentwicklung – und nicht mehr die Angebotsaussichten. Das Thema Nachfrageentwicklung bzw. Nachfrageüberhang beherrschte entsprechend die Schlagzeilen in den Agrarnachrichten.

China größter Getreideimporteur weltweit

China stieg über Nacht zum größten Getreideimporteur der Welt auf und deckte einen größeren Teil seines Getreidebedarfs aus Frankreich. Von dem deutlich verknappten französischen Getreideangebot profitierte insbesondere der deutsche Getreidemarkt; die Ausfuhren von Weizen und Gerste in die europäischen Nachbarstaaten stiegen überdurchschnittlich stark an. Allein England importierte so viel Weizen aus Deutschland wie zuletzt im Wirtschaftsjahr 2012/13. Auch die Benelux-Staaten führten deutlich mehr Getreide als in den Vorjahren ein. Übrigens darf Deutschland auch weiterhin kein Getreide nach China exportieren, weil ein erforderliches phytosanitäres Abkommen fehlt

Trend für den deutschen Getreidemarkt

Nun stellt sich die Frage, ob sich der Trend für den deutschen Getreidemarkt auch im kommenden Wirtschaftsjahr in dieser Weise fortsetzt. Immerhin haben sich die Vorzeichen verändert. In England, Frankreich, Rumänien und auch Deutschland wächst aktuell eine vergleichbar bessere Ernte als im Vorjahr heran. In der Ukraine und auch in Russland haben sich die Ernteaussichten in den vergangenen Wochen ebenfalls weiter verbessert. Russland darf auf die dritthöchste Ernte in seiner Geschichte hoffen. In der Ukraine könnte nach Ansicht lokaler Marktbeobachter die Weizenproduktion um drei Millionen Tonnen höher als 2020 ausfallen, was gleichzeitig bedeutet, dass das Exportpotential 2021/22 um drei Millionen Tonnen steigt. In der EU (einschließlich Großbritannien) liegen die 2021er Weizenproduktionsschätzungen (ohne Hartweizen) derzeit zwischen 142 und 145 (Vorjahr: 129) Millionen Tonnen.

Noch ein weiter Weg zur Ernte

Bei allem aber darf man nicht vergessen: Bis zur Ernte ist immer noch ein weiter Weg zu gehen. Hohe Ertragsverluste dürfen sich die europäischen und weltweiten Getreidemärkte bei der derzeitigen Angebots- und der internationalen Nachfragesituation nicht erlauben. Entsprechend bleiben die Preise an den Agrarbörsen anfällig für Sorgen bezüglich etwaiger Ertragsverluste in der kommenden Ernte. So steht weiterhin die internationale Nachfrage stärker im Blickfeld als das Angebot. Blicken wir einmal mehr nach China: Die hohe Getreideimportnachfrage dort führt im laufenden Wirtschaftsjahr in den USA zum stärksten Abbau der Inlandsbestände seit 2013/14. In direkter Konsequenz wird Mais in den internationalen Futtermischungen immer teurer. Der Weizeneinsatz in den internationalen Futterrationen dürfte im Vergleich zu den beiden Jahren davor wieder deutlich steigen. Doch dieser Trend hält nur an, solange China seine Getreideeinfuhren vorantreibt. Ohne chinesische Nachfrage stünde weltweit mehr als genügend Getreide zur Verfügung.

Mischfuttermarkt wächst vermutlich nicht

Von einer erwartet hohen chinesischen Nachfrage dürfte auch wieder der deutsche Getreidemarkt profitieren. Denn: Frankreich würde wie im Vorjahr größere Mengen Weizen und Gerste nach China exportieren. Die daraus entstehende Angebotslücke in anderen EU-Staaten kann dann teilweise deutsches Getreide schließen und so den Export hierzulande hochhalten. Im deutschen Mischfutter sollte der Weizeneinsatz wieder zulegen und Gerste teilweise ersetzen. Ein Grund für den erwartet niedrigeren Gersteneinsatz dürfte sein, dass 2021 ein Gerstenangebot in der EU (plus Großbritannien) unter Vorjahr erwartet wird. Der Einsatz von Roggen im Mischfutter dagegen dürfte hoch bleiben, da die diesjährigen Ernteaussichten auf dem hohen Vorjahresniveau liegen. Tendenziell allerdings wird der deutsche Mischfuttermarkt nicht wachsen. Ein Wachstumsmarkt immerhin dürfte in Deutschland im kommenden Wirtschaftsjahr der Stärkemarkt werden, wo zusätzlich Weizen vermarket werden kann.

Hohe Getreidepreise

Die Getreidepreise im Wirtschaftsjahr 2020/21 lagen bereits über dem langjährigen Mittel, doch die Ölsaatenpreise, und speziell die Preise für Rapssaat, konnten diese Entwicklung noch einmal toppen. An der kanadischen Börse erreichte der Rapspreis den höchsten Stand seit mindestens 20 Jahren, an der Matif stieg er ebenso auf ein neues Rekordhoch. Diese Preisentwicklung war vor allem drei Faktoren geschuldet. So war die Rapsproduktion in der EU wie in den Vorjahren derart niedrig, dass Rekordimporte nötig waren, um den Bedarf zu decken. In Kanada wurde trockenheitsbedingt die niedrigste Erntemenge seit 2015 eingefahren, während die Nachfrage nach Raps so hoch war, dass die Endbestände 2020/21 in Kanada drastisch sinken dürften. In der Übergangsphase zur neuen Ernte sollen die Kanadier Raps aus den Anrainerstaaten des Schwarzmeeres importieren, damit die landeseigenen Ölmühlen weiterarbeiten können.

Rekordproduktion von Sojabohnen

Ähnlich ist die Versorgungslage bei der Sonnenblumensaat. Das Angebot im Wirtschaftsjahr 2020/21 war wegen hoher Ernteausfälle in der Ukraine, Russland und Rumänien so gering, dass im Nahrungsmittelsektor Sonnenblumenöl beispielsweise durch Rapsöl ersetzt werden musste. Eine neue Rekordproduktion wurde weltweit zwar für Sojabohnen eingefahren, sie reichte aber nicht aus, die stark gestiegene globale und vor allem chinesische Nachfrage zu decken. Als Folge sinken nach Schätzungen des US-amerikanischen Landwirtschaftsministerium USDA die weltweiten Sojabohnenendbestände weiter. Das sind die Voraussetzungen für das Wirtschaftsjahr 2021/22 – doch wie die Vergangenheit gezeigt hat, steigt die Anbaufläche der Produkte, die einen hohen Marktpreis zeigen. So planen kanadische Landwirte, ihren Rapsanbau stark auszudehnen. Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Australien ab. Der Raps wird gerade ausgesät, die Saatgutkäufe stiegen zuletzt sprunghaft an. Entsprechend klettern, unter normalen Wachstumsbedingungen, die Ernteprognosen 2021/22 für Raps wieder nach oben.

Weltweite Ölsaaten-Versorgung

Bei der Sonnenblumensaat schauen wir auf ein ähnliches Szenario. Landwirte in Rumänien, der Ukraine oder Russland planen einen kräftigen Zuwachs der Anbaufläche, die Ernteerwartungen 2021 dürften unter normalen Wachstumsbedingungen weitaus höher sein als im Vorjahr. Das spricht zumindest auf den ersten Blick für ein stark steigendes Angebot und eine klar verbesserte Versorgungslage im kommenden Wirtschaftsjahr. Wichtigster Einflussfaktor für den Rapsmarkt 2021 wird allerdings anders als im Vorjahr die globale Versorgungslage mit Sojabohnen werden. Auch 2021/22 könnte es mit der Sojabohnenversorgung knapp bleiben, da die derzeit geschätzte Anbauflächenerhöhung in den USA zur Ernte 2021 nicht ausreichen dürfte, um die globalen Sojabohnenendbestände bei der aktuellen hohen Nachfrage signifikant zu steigern. Zwar ist die im April 2021 geschätzte Anbauflächenzahl nicht in Stein gemeißelt, und die finale Anbaufläche entscheidet sich erst in den kommenden sechs Wochen. Doch schon jetzt können wir festhalten, dass die US-Sojabohnenanbaufläche 2021 mit darüber entscheiden wird, wie gut die weltweiten Länder mit Ölsaaten versorgt sein werden.

Spannendes Wirtschaftsjahr

Insgesamt lässt sich als Ausblick für die Getreide- und Ölsaatenmärkte 2021 sagen: Wenn die internationale Getreidenachfrage hoch bleibt, nicht gleichzeitig in allen Exportländern weltweit absolute Rekorderträge eingefahren werden, und sich die globale Wirtschaft tatsächlich so erholt wie aktuell erwartet, dann steht dem deutschen Agrarmarkt auch diesmal wieder ein spannendes Wirtschaftsjahr bevor.

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