Getreidemarkt 2020/21

Chancen und Risiken

Die Getreidemärkte im Wirtschaftsjahr 2020/21 sind wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nicht genau, was einen erwartet. Der AGRAVIS-Experte Bernhard Chilla analysiert den deutschen Getreidemarkt und blickt in die Zukunft.

Getreidemarkt 2020/21

Die Monate Mai und Juni standen unter keinem guten Stern. Die Unsicherheit, wie sich die globale Getreidenachfrage in der Corona-Pandemie entwickeln würde, belastete die internationalen Getreidebörsen. Die amerikanischen Landwirte wollten ihren Maisanbau deutlich ausdehnen, und auch in der EU oder der Ukraine setzte man auf weitflächigeren Anbau von Mais. Vor allem aber die Maisernte in den USA sollte das globale Getreideangebot drastisch steigern.

Globale Nachfrage im Fokus

Und diese Stimmungslage drückte über einen langen Zeitraum auch in den deutschen Agrarmarkt. Doch Stück für Stück änderte sich das in den vergangenen drei Monaten. Die globale Nachfrage entwickelte sich deutlich besser als erwartet. Zudem fielen die Weizenernten auf der Nordhalbkugel schlechter aus als erwartet, vor allem innerhalb der EU. Für eine gegenüber dem Vorjahr stark verbesserte weltweite Getreideversorgung müssten nun auf der Südhalbkugel überdurchschnittlich hohe Ernten eingefahren werden. Außerplanmäßig rückte im Getreidemarkt nicht nur die Angebotssituation in den Fokus – deutlich stärker wurde darauf geschaut, wie sich die globale Nachfrage 2020/21 entwickeln könnte.

China ist größter Getreideimporteur

Hierbei fällt immer häufiger ein Schlüsselwort: China. China nämlich wird nach Einschätzung des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums USDA seine Getreideeinfuhren nochmals ausdehnen und zum größten Getreideimporteur der Welt aufsteigen. Die Entwicklung der internationalen Nachfrage dürfte entsprechend stärker im Blickpunkt stehen als noch in den beiden vergangenen Jahren. Getreide aus Deutschland übrigens könnte von diesen Entwicklungen auch partizipieren – das zeigte sich schon im zurückliegenden Wirtschaftsjahr, als der Iran der größte Abnehmer von deutschem Weizen war. Diese Entwicklungen brachten zuletzt auch die institutionellen Anleger wieder zurück in die Agrarmärkte. Verstärkt fanden sie wieder Gefallen am Geschäft und waren große Käufer von Mais-, Weizen- und Sojabohnenkontrakten an der Börse in Chicago. Und noch ein wesentlicher Faktor wird zunehmend bedeutsamer für die internationalen Agrarmärkte: Der Einfluss der Politik auf eben diese Märkte nimmt weiter zu, Handelskonflikte à la USA gegen China beispielsweise werden immer häufiger.

Deutscher Getreidemarkt profitiert trotz unterdurchschnittlicher Ernte

Von solchen internationalen Entwicklungen müsste der deutsche Getreidemarkt direkt oder indirekt profitierten. Auch die Ernte 2020 konnte, wie in den beiden Jahren zuvor, wieder nicht an die sehr guten Ergebnisse der Jahre 2014 bis 2017 anknüpfen; einmal mehr fuhren die Landwirte eine unterdurchschnittlich gute Ernte ein. Wesentliche Gründe waren ein Rückgang der Anbaufläche von Weizen, regional hohe Ertragsausfälle durch die langanhaltende Trockenheit sowie Frostschäden bei der Wintergerste. Qualitativ fallen in diesem Wirtschaftsjahr vor allem zwei Entwicklungen auf: Die Weizenqualität erreicht zwar nicht das sehr gute Vorjahresergebnis, ist aber überdurchschnittlich gut. Und: Bei der diesjährigen Roggenqualität sticht besonders die Mutterkornproblematik ins Auge. Der Roggen ist stärker belastet als in den Vorjahren und erschwert entsprechend die Vermarktung.

Geringerer Bedarf an Schweinefutter

Doch eine Preisentwicklung hängt nicht nur von den angebotenen Mengen und Qualitäten ab, sondern auch von der Nachfrage im Binnenmarkt und im Export. Speziell der Weizen könnte in diesem Wirtschaftsjahr wieder von der Entwicklung der Nachfrage profitieren. So war die Futternachfrage in Deutschland über die vergangenen Jahre stabil – nun kündigen sich Veränderungen an. Die Nachfrage nach Futter wird voraussichtlich nicht nur nicht wachsen, der Bedarf an Schweinefutter dürfte sogar zurückgehen. Denn: Die Schweinebestände sinken, und das Thema Afrikanische Schweinepest wird diese Entwicklungen weiter vorantreiben. Zudem dürfte China im Jahr 2021 seine Schweinefleischimporte in bisherigem Umfang nicht fortsetzen. Denn die Schweinebestände in China wachsen derzeit stark und dürften in den kommenden acht bis zehn Monaten wieder das Niveau vor dem dortigen ASP-Ausbruch erreichen.

Hoffnungsschimmer Geflügel

Ein kleiner Hoffnungsschimmer immerhin könnte die Nachfrage nach Geflügel sein, denn die Haltung von Legehennen bleibt der Wachstumsmarkt in Deutschland. Keine großen Veränderungen hingegen sind beim Rinderfutter zu erwarten, und ebenfalls konstant dürfte die Weizennachfrage im Mühlensektor bleiben. Wachstumsimpulse dagegen kommen aus der Stärkeindustrie. Die Produktion von Stärke, allem voran Weizenstärke, dürfte durch die wachsende Nachfrage nach Verpackungsmaterialien im Onlinehandel weiter steigen.

Spannende Exportmärkte

Insgesamt interessanter werden die Entwicklungen auf den Exportmärkten sein. Der Gerstenexport etwa wird stark durch den australisch-chinesischen Handelskonflikt beeinflusst. Der Exportüberschuss Frankreichs wiederum sinkt durch die hohen Ausfuhren nach China in andere EU-Staaten. Deutschland kann hier schließen, da sich außerdem in anderen relevanten EU-Ländern der Exportüberschuss von Gerste nicht erhöht hat. Gerste direkt nach China exportieren kann Deutschland derzeit allerdings nicht, da zwischen beiden Ländern kein erforderliches phytosanitäres Abkommen besteht.

Brexit spielt wichtige Rolle

Eine bedeutende Rolle im EU-Markt wird nicht zuletzt der Brexit spielen. Die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich stagnieren aktuell, und das könnte letztlich zu einem „harten Brexit“ führen. Was hieße, dass Großbritannien keinen freien Zugang zu den EU-Märkten mehr hätte. Im Vereinigten Königreich aber ist der Exportüberschuss von Futtergerste sehr hoch und das Exporttempo von Futtergerste bislang sehr gering. Doch wo Schatten ist, ist immer auch Licht. Die Risiken eines harten Brexits bringen auf der anderen Seite aktuell auch sehr positive Entwicklungen für den deutschen Weizenexport mit sich. Denn: England hat eine der schwächsten Weizenernten der vergangenen Jahrzehnte eingefahren. Entsprechend ist der Importbedarf, vor allem von Qualitätsweizen, hoch, das zeigte sich in den vergangenen Wochen. Weizen beispielsweise aus Frankreich zu importieren würde sich für die Briten nicht lohnen, denn französischer ist gegenüber deutschem Weizen aufgrund von Ernte- und Handelsbedingungen deutlich teurer. Und auch andere Länder wie Pakistan importieren wieder. Auch dort könnte deutscher Weizen landen – und das wäre dann ein echtes Novum für den deutschen Getreidemarkt.

Diffiziler Kreislauf

Würde Deutschland nun aber viel mehr Weizen exportieren, dann müssten die Landwirte in der Fütterung entsprechend mehr Körnermais oder anderes Getreide verwenden. Körnermais müsste dann wiederum in größerem Umfang importiert werden. Ein diffiziler Kreislauf, denn aus anderen EU-Staaten ist im Vergleich zu den Vorjahren aufgrund geringerer Ernteaussichten kein Zuwachs der Importe zu erwarten. Selbst die Ukraine mit bisher stabilen Ernten setzte zuletzt die Erwartungen zurück und senkte den Exportüberschuss. Und viel ukrainischer Mais geht schon nach China und in den Mittleren und Nahen Osten, entsprechend weniger bleibt für andere importwillige Länder wie auch Deutschland.

Fazit:
Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass die Preisentwicklung im deutschen Getreidemarkt 2020/21 in diesem Jahr deutlich stärker davon abhängen wird, wie gut die Länder der Welt beziehungsweise die Länder der EU mit Futtergetreide, speziell mit Mais, versorgt sein werden. Ein wesentlicher Faktor wird hierbei die chinesische Nachfrage sein. Sollten die Nachfrageprognosen eintreten, dann blickt der deutsche Getreidemarkt spannenden Monaten entgegen.

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