AGRAVIS Marktbericht

Aktuelle Aussichten für die Getreide- und Ölsaatenmärkte 2020

Auch in 2020 werden die Agrarmärkte von verschiedenen Faktoren beeinflusst. AGRAVIS-Experte Bernhard Chilla liefert eine qualifizierte Einschätzung für den deutschen und die internationalen Getreide- und Ölsaatenmärkte.

Das Jahr 2020 scheint wieder einmal vor vielen Herausforderungen zu stehen, die direkt oder indirekt den deutschen Getreidemarkt beeinflussen. Ganz aktuell: die Corona-Pandemie und die damit verbundene Sorge vor einer globalen Wirtschaftsrezession sowie der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in China und das Risiko eines Auftretens von Schweinepest in Deutschland. Weitere Rollen spielen die sich verändernden Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft in Deutschland, die andauernden Handelsstreitigkeiten zwischen China und Australien bzw. China und Kanada und der noch nicht vollendete Brexit.

Alle diese Faktoren führen sehr wahrscheinlich zu einer länger anhaltenden Preisvolatilität an den internationalen Börsen. Aus dem US-Handelsstreit mit China ist zudem eine wesentliche Erfahrung abzuleiten: Unsichere Marktaussichten sind keine guten Marktbegleiter.

Getreideverbrauch wächst stärker als Produktion

Für den internationalen Getreidemarkt ist festzuhalten, dass (mit Ausnahme der chinesischen Statistik) der Getreideverbrauch von Weizen, Gerste und Mais zusammengenommen seit 2017 stärker wächst als die Produktion. Ein Trend, der vor allem beim Weizen zu beobachten ist. Davon konnte auch in diesem Wirtschaftsjahr der deutsche Weizenmarkt profitieren, da deutlich mehr Weizen exportiert wurde als noch vor einem Jahr allgemein erwartet worden war.

Ebenfalls im Wirtschaftsjahr 2020/21 sollte das globale Weizenangebot wieder in den Fokus rücken, zumindest auf der nördlichen Halbkugel. Wie vor zwei Jahren in Deutschland konnte in wichtigen Anbauregionen der Europäischen Union aufgrund von viel zu nassem Wetter nicht so viel Weizen ausgesät werden wie die Landwirte im Herbst 2019 geplant hatten. Für die kommende Ernte waren davon vor allem England und Frankreich betroffen. Die Anbaufläche dürfte in Frankreich so niedrig sein wie zuletzt zur Ernte 2009 und in England höchstwahrscheinlich das niedrigste Niveau seit mindestens 20 Jahren haben. Somit könnte die Weizenproduktion selbst bei überdurchschnittlichen Erträgen in allen EU-Staaten im Vergleich zum Vorjahr kräftig sinken. Die ersten Weizenernteprognosen (ohne Durum) liegen derzeit zwischen 135 und 138 Mio. Tonnen – nach 146 Mio. Tonnen in 2019/20.

Anbau von Winterweizen in Russland ausgeweitet

Was nun die EU an Produktion verlieren könnte, dürfte dagegen teilweise Russland an Produktion gewinnen. Der dortige Anbau von Winterweizen wurde stark ausgedehnt, Auswinterungsverluste verzeichnen die russischen Landwirte nach einem insgesamt milden Winter kaum. Aktuell allerdings rückt immer mehr die weitere Wachstumsentwicklung des Weizens in den Fokus. Seit Anfang März bis Mitte April ist in den Hochertragsregionen Südrusslands kaum Niederschlag gefallen. Überdurchschnittlich hoher Niederschlag aber wird dort bis Mitte Mai dringend nötig sein, um die hohen Ernteerwartungen für den Weizen zur Ernte 2020 zu erfüllen. Bislang sind die lokalen Marktbeobachter aber noch optimistisch, 80 Mio. Tonnen Weizen und mehr zu produzieren, nach 74 Mio. Tonnen in 2019. In der Ukraine indes ist die Anbaufläche gesunken, bei ebenfalls sehr wenig Regen seit Anfang März. Wie in Russland müsste sich auch dort die Wetterlage im Mai umkehren, ansonsten werden die Ernteaussichten für den Weizen deutlich unter dem Vorjahr liegen.

Mais ist weltweit bedeutendste Getreideart

Alles in allem dürfte sich das Weizenangebot in Europa 2020 vorerst nicht so stark gegenüber dem Vorjahr steigern. Doch eine knappe Weizenversorgung ist nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit einer verknappten Weltversorgung mit Getreide. Zur weltweit bedeutendsten Getreideart ist nämlich der Mais geworden. Ein mehr als 50-prozentiger Einbruch des Maisverbrauchs zur Ethanolproduktion in den USA im März und April im Zuge der Corona-Pandemie sollte bewirken, dass im laufenden Jahr erst einmal kein knappes Maisangebot zu erwarten ist. Zudem haben die US-Landwirte bislang weiter vor, den Maisanbau zur kommenden Ernte stark auszudehnen. Vielleicht aber führt gerade die aktuell fehlende Maisnachfrage in den USA auch zu einem Umdenken im Anbauverhalten. Sollten sich die US-Landwirte in diesem Jahr entscheiden, stattdessen mehr Sojabohnen anzubauen, könnte sich das erwartet sehr hohe globale Maisangebot noch reduzieren.

Hohe Nachfrage nach Sojabohnen

Ein Grund für ein mögliches Umdenken der US-Landwirte könnte sein, dass die globale Sojaversorgung 2019/20 weniger üppig ausfallen dürfte als die Versorgung mit Mais. Zum Hintergrund: Das globale Sojabohnenangebot sinkt durch die fallenden Ernteerwartungen in Südamerika. Gleichzeit boomt die Nachfrage nach Sojabohnen, weil China hier wieder kräftigen Bedarf hat. In China nämlich sind die Bestände von Sojabohnen stark abgebaut worden; derzeit sind die Einfuhren des Landes weitaus höher als im vergangenen Jahr zum gleichen Zeitraum. Hinzu kommt: Der sinkende Pflanzenölabsatz ist wegen der fehlenden Biodieselnachfrage in den USA, der EU oder auch in Brasilien durch die Corona-Pandemie ein deutlich kleinerer Einflussfaktor auf die Versorgungslage in den Exportländern von Sojabohnen. Auch das Sojaschrot bleibt gefragt, da in der EU derzeit das Angebot an Rapsschrot geradezu wegbricht. In der EU fehlt das Rapssaatangebot aus der alten Ernte, und auch der fehlende Absatz von Biodiesel führt zu einem Ausfall der Rapssaatverarbeitung. In Deutschland wird der Rückgang des Dieselabsatzes im Transportsektor im Zeitraum von März bis Mai auf 20 bis 30 Prozent im Vergleich zum langjährigen Mittel geschätzt.

Schwache Aussichten für Rapsernte

Auch für 2020/21 gehen Marktbeobachter davon aus, dass der Biodieselabsatz schleppend verläuft. Doch nicht nur die Nachfrageentwicklung ist ein wichtiger Einflussfaktor. Auf Angebotsseite dürfen vor allem die Ernteaussichten 2020 von Raps in Europa nicht außer Acht gelassen werden. In der EU wird derzeit nur eine Rapsproduktion erwartet, die nicht höher sein soll als die schwache Vorjahresernte. Die trockene Wetterlage in weiten Teilen Europas und Berichte über Frostschäden beim Raps führen zu weiter sinkenden Ertragserwartungen. Ähnlich ist die Ausgangslage in der Ukraine, dem wichtigsten Lieferanten von Raps für den EU-Markt.

Fazit: Deutscher Agrarmarkt kann profitieren

Entsprechend steht dem deutschen Getreide- und Ölsaatenmarkt ein sehr interessantes Jahr bevor. Von möglichen Ernteausfällen und auch einer hohen Nachfrage Chinas könnte auch der deutsche Agrarmarkt indirekt profitieren. Für eine knappe Weltversorgung mit Getreide müssten aber auch andere Getreidemärkte - nicht nur beim Weizen, sondern vor allem auch beim Mais - Ernteausfälle verzeichnen. Ähnlich ist die Situation im Ölsaatenmarkt. Das globale Sojabohnenangebot fällt zwar, bleibt aber immer noch höher als zwischen 2013 und 2018. Zudem steht über all diesen Faktoren die weitere Entwicklung der globalen Wirtschaft – wegen möglicher negativer Folgen als Resultat der Abschottung der Länder aufgrund der Corona-Thematik. Ein möglicher Einbruch der Weltwirtschaft hätte auch entsprechende Auswirkungen sowohl auf die Preisentwicklung von Getreide als auch auf die Nachfrage nach bestimmten Agrarerzeugnissen.

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