Chilla checkt!

AGRAVIS-Experte Bernhard Chilla analysiert die Märkte

11.10.2017:

„Weizen ist im deutschen Futtersektor wieder gefragt. Allerdings sollte dies nicht der einzige Nachfragemotor für den deutschen Weizen sein.“

Weltweizenversorgung 2017/2018

Für viele Marktteilnehmer ist die wichtigste Größe zur Beurteilung der Weltversorgung von Getreide die Entwicklung der Endbestände. Die Weltweizenbestände 2017/18 sollen nach Schätzungen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums USDA weiter wachsen und suggerieren eine sehr gute Weltversorgung mit Weizen Weizen. Die Weltweizenbestände 2017/18 sollen auf 244 Mio. Tonnen steigen und damit 14 Mio. Tonnen höher sein als 2016/17 und über 130 Mio. Tonnen über den Endbeständen aus dem Hochpreisjahr 2007/08 liegen. Auf dem ersten Blick scheint diese Weltversorgungslage daher sehr komfortabel.

Hohe chinesische Weizenbestände vermitteln komfortable Versorgungssituation weltweit

Dennoch müssen diese Daten differenzierter betrachtet werden. Der starke Aufbau der Bestände der vergangenen Jahre findet im Wesentlichen in China statt. Hier sind seit 2007/08 die Bestände um 90 Mio. Tonnen angewachsen, in den übrigen Staaten daher nur um gut 40 Mio. Tonnen. In China alleine liegen damit knapp die Hälfte aller globalen Weizenbestände. China ist aber kein Exporteur von Weizen, sondern führt sogar weiterhin jedes Jahr 3-4 Mio. Tonnen ein. Daher beurteile ich die Weltweizenversorgung 2017/18 mit allen Daten, ohne die chinesischen Daten mit einzubeziehen.

Betrachtung der Endbestände zum Verbrauch ist entscheidend

Zur Beurteilung der Marktversorgung ist zudem wichtiger, nicht die Entwicklung der Bestände zu betrachten, sondern das Verhältnis der Endbestände zum Verbrauch. Dieses Verhältnis soll 2017/18, wenn China nicht betrachtet wird, auf 22 Prozent fallen und damit im Vergleich zu den Vorjahren weiter fallen und den niedrigsten Wert seit dem Hochpreisjahr 2007/08 erreichen. Die Zahl 22 Prozent bedeutet, dass die Weizenvorräte 80 Tage reichen würden, um die Welt mit Weizen zu versorgen, wenn keine neue Ernte kommt. Im Hochpreisjahr 2007/08 lag dieses Verhältnis bei 18 Prozent oder 65 Tagen.

Das alles suggeriert, dass die Erzeugerpreise für den Weizen im Vergleich zu den Vorjahren deutlich steigen müssten. Dennoch ergeben sich drei wesentliche Unterschiede im Vergleich zu 2007/08. Damals stand im Gegensatz zu 2017/18 beispielsweise weit weniger Körnermais zur Verfügung als heute. Somit konnte 2007/08 zum Beispiel Weizen nicht durch andere Getreidearten ersetzt werden. Zudem wurde in allen wichtigen Exportländern 2017/18 bisher genügend Weizen produziert, um die Exportnachfrage decken zu können. Anders als 2007/08 und auch 2012/13 fällt bisher kein Exportland aufgrund von hohen Produktionseinbußen aus. Das bedeutet, dass bis Ende September 2017 zu jedem Zeitpunkt Weizen zur Verfügung stand, der theoretisch exportiert werden konnte. Über die kurzfristige Preisentwicklung entscheiden andere Faktoren. Kann Russland die Exporterwartungen nach deren Rekordernte erfüllen oder behindert die Logistik das Exportgeschäft? Verkaufen beispielsweise französische Landwirte oder Erfasser den Weizen dann, wenn er auch nachgefragt wird? Oder wie verhält sich der Weizen aus preislicher Sicht im Mischfutter? Bleibt er weiter attraktiv oder verschlechtert sich die relative Vorzüglichkeit gegenüber anderen Getreidearten?

Weiterhin sollte die Entwicklung der relativen Preisvorzüglichkeit beobachtet werden, da neben den großen EU-Staaten auch Länder in Südostasien die Mischfutteroptimierung für sich entdeckt haben und dort je nach Preisniveau mehr oder weniger Weizen nachfragen. Ferner haben derzeit bestimmte Importländer die Qual der Wahl, woher sie den Weizenbedarf decken können. Deutschland konkurriert mit dem US-Weizen und baltischem Weizen um wichtige Destinationen im Mittleren Osten.

Somit sind die Bestände und die globale Versorgungslage 2017/18 zwar nicht so gut wie 2015/16 oder 2016/17, aber sie würden immer noch ausreichen, um die globale Nachfrage decken zu können.

Exportnachfrage aus der EU könnte sich durch Produktionsausfälle in Australien erhöhen

Eine Veränderung der globalen Versorgungslage 2017/18 und der langfristigen Preisentwicklung 2017/18 kann sich nun nur noch durch eine signifikante Veränderung des Weizenangebotes in Australien im Vergleich zu den aktuellen Schätzungen ergeben. Die Wachstumsbedingungen des Weizens dort sind bei weitem nicht ideal in diesem Jahr. Sie sind aber bisher nicht so schlecht, dass in Australien wie 2006 oder 2002 die Weizenerzeugung mehr oder weniger ausfallen wird. Auszuschließen ist ein solches Szenario aktuell allerdings auch nicht. Der Oktober ist der entscheidende Wachstumsmonat. Bisher war es in vielen Teilen deutlich zu warm und deutlich zu trocken.

Viele lokale Marktbeobachter erwarten schon hohe Verluste. Aber guter Niederschlag und nicht zu heiße Temperaturen können im Oktober noch die möglichen Ertragsverluste reduzieren. Falls sich die Wetterlage wider Erwarten doch nicht verbessern sollte, sinkt der Exportüberschuss des Landes signifikant im Vergleich zum Rekorderntejahr 2016/17.

Einfluss des australischen Weizenangebotes auf Deutschland

Die Wetterentwicklung im Oktober in Australien hat aber sehr große Auswirkungen auf die Weizenversorgungslage 2017/18 in Deutschland. Im Zeitraum Juli bis September wurde wieder einmal überdurchschnittlich viel Weizen vom heimischen Futtersektor gekauft. Auch die Mühlennachfrage sollte stabil sein. Der Export ist aber mehr oder weniger verhalten und die Exportmengen sind bis Ende September deutlich niedriger als noch letztes Jahr zum gleichen Zeitpunkt. Langfristig müsste Deutschland aber größere Mengen Weizen exportieren, um Weizenbestände in Deutschland auf dem niedrigen Level von 2016/17 zu halten.

Um die Exportnachfrage von deutschen Weizen zu erhöhen, müssten in Australien deutlich Produktionseinbußen auftreten. Damit würde sich der Exportüberschuss aus Australien drastisch reduzieren. Dieses hätte zur Folge, dass sich dann die globalen Handelsströme stark verschieben würden. Russland wird mehr in Richtung Asien exportieren als bisher gedacht. Diejenigen Länder, die normalerweise russischen Weizen kaufen würden (normalerweise Nordafrika), sollten dann mehr EU-Weizen oder US-Weizen importieren. Somit würden sich die Endbestände weltweit und dann auch in allen wichtigen Exportländern signifikant reduzieren.

Oktober als entscheidender Monat für die globale Weizenversorgung

Somit wird der Oktober 2017 für die globale Versorgungslage für den Weizen sehr wichtig werden. Falls sich die Versorgungslage durch eine sehr schlechte australische Ernte nachdrücklich verändern würde, sollte nicht nur der Futtersektor in Deutschland der wichtigste Nachfragemotor für den deutschen Weizen sein.

Zurück zur Übersicht Zurück zur Übersicht





Es handelt sich bei der obigen Analyse ausdrücklich nicht um eine Anlageempfehlung! Der Autor stellt lediglich seine persönliche Meinung nach Bewertung verschiedener Marktkriterien dar. Weder der Autor noch die AGRAVIS Raiffeisen AG können irgendeine Prognose bzgl. der Entwicklung von Rohstoffpreisen abgeben und weisen ausdrücklich darauf hin, dass diese starken Schwankungen unterliegen können und von vielen teils unbekannten Faktoren beeinflusst werden.