Chilla checkt!

AGRAVIS-Experte Bernhard Chilla analysiert die Märkte

6.9.2018:

„Deutschland sollte 2018/2019 erstmals seit mindestens 30 Jahren von einem Nettoexporteur von Getreide zu einem Nettoimporteur werden.“

Auswirkungen der hohen Ernteverluste: Getreideversorgung in Deutschland 2018/2019

Ein deutlicher Rückgang der Getreideproduktion 2018 in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr und dem langjährigen Mittel prägt die Marktentwicklung. Die diesjährigen Ertragsverluste von Weizen Weizen und Gerste Gerste sollten so hoch sein, dass der Exportüberschuss Deutschlands 2018/2019 deutlich sinkt. Deutschland könnte bei einer stabilen Inlandsnachfrage sogar zu einem großen Nettoimporteur von Getreide Getreide werden. Somit steht der deutsche Agrarmarkt 2018/19 vor sehr vielen Herausforderungen, damit diese Angebotslücke geschlossen wird. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass nur bei einer stabilen Inlandsnachfrage der Importbedarf des Landes drastisch steigen sollte. Für die Beurteilung der Marktlage darf aber zusätzlich nicht außer Acht gelassen werden, dass bei Gerste und Weizen sich die Ausgangslage weltweit verändert hat. Nach einem langen Zeitraum mit einer zufriedenstellenden Versorgungslage beim Getreide bestimmt den Mark 2018/19 ein deutlicher Rückgang des Getreideangebotes. Wie schon 2012/13, 2010/11 oder 2007/08 ist der Hauptgrund des Preisanstieges ein deutlicher Produktionsausfall von Weizen und auch Gerste weltweit.

Deutsche Getreideernte so niedrig wie zuletzt vor fast 25 Jahren

Die schlechten Aussaatenbedingungen und dann die sehr lang anhaltende Trockenheit haben in weiten Teilen Deutschlands die schlimmsten Befürchtungen eintreten lassen. Die Getreideerträge fielen im Vergleich zum Vorjahr weit ab und lagen auch weit unter dem langjährigen Durchschnitt. So sollte die Getreideernte in Deutschland rund 5 Mio. t niedriger sein als schon die leicht unterdurchschnittliche Ernte des Vorjahres und 15 Mio. t unter der Rekordproduktion des Jahres 2014 sein. Die Folgen für die deutsche Getreideversorgungslage 2018/19 sind erheblich. Die Jahre zuvor ging es in Deutschland neben einer stabilen Futternachfrage vor allem darum, wie viel Getreide zu welchem Zeitpunkt exportiert werden kann. Dieses Jahr geht es aber stärker darum, wie die Versorgungssicherheit mit Getreide Getreide gewährleistet werden kann. Natürlich gab es in der Historie schon einmal ähnlich knappe Versorgungslagen, so zum Beispiel 2007/08 oder 2003/04. Vor allem die Marktlage aus dem Jahr 2007/08 scheint mit der heutigen vergleichbar zu sein. Aber eine solch große Angebotslücke soll es in Deutschland zuletzt vor mehr als 30 Jahren gegeben haben.

Der wichtigste Einflussfaktor für die Preisentwicklung wird der Getreidebedarf im Tierfutter bleiben

Wichtigster Einflussfaktor auf der Versorgungsseite und für die Preisentwicklung wird in den kommenden Wochen und Monaten die Bedarfsentwicklung von Getreide im Futtersektor Futtersektor sein. In den vergangenen beiden Jahren stieg hier vor allem die Weizenverwendung signifikant an. Weizen dürfte sich auf lange Sicht aufgrund des sinkenden Angebotes nicht mehr im Futter rechnen. Dieser Weizen müsste aber vor allem durch Mais ersetzt werden. Dieser Prozess scheint schon ab Ende des Jahres in Deutschland zu beginnen. Die Maisnachfrage steigt derzeit in Deutschland und auch in der EU signifikant an. Wie 2007/08 sollten die Maisimporte erheblich höher liegen als im langjährigen Mittel. Durch die hohen Ernteverluste Ernteverluste in Deutschland müssten sich die Maisimporte aber im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppeln, um das Getreidedefizit ansatzweise auszugleichen – auch wenn ein leichter Rückgang der Futternachfrage in Deutschland möglich sein kann.

Import- und Inlandslogistik Deutschlands werden über die Versorgungssicherheit mitentscheiden

Diese hohe Importnachfrage Deutschlands kann daher auch zu logistischen Engpässen führen. Einerseits dadurch, dass viel Importware durch wenige Nadelöhre transportiert werden muss. Andererseits können niedrige Pegelstände in den wichtigsten Flüssen der EU großen Einfluss auf die Verfügbarkeit der Ware geben. Nur bei ausreichender Wasserführung in den Flüssen können mehr Waren kostengünstig in die Verbrauchsregionen transportiert werden. Zudem könnten die Importkapazitäten der großen Häfen in den Benelux-Staaten und in Deutschland ein begrenzender Faktor werden. Zwar könnte bei einer sehr guten und ausreichenden globalen Maisproduktion auf dem Papier genügend Mais für den deutschen Markt zur Verfügung stehen. Dennoch stehen in Deutschland zwei große Importhäfen – Brake und Hamburg – zur Verfügung, die auch große Mengen Getreide löschen können. Dass große Menge Getreide über die Importhäfen abgewickelt werden können, steht außer Frage. 2007/08 wurden über einen kurzen Zeitraum von drei Monaten sehr große Mengen von Getreide gelöscht. 2018/19 müssten aber ab Oktober (dann starten normalweise die hohen Einfuhren) bis zum Anschluss zur Ernte 2019 hohe Importmengen abgewickelt werden. Aber einen solch hohen Import für einen Zeitraum von über acht Monaten hinweg abzuwickeln, dürfte für den deutschen Markt ein Novum werden.

Nicht nur das Getreideangebot nimmt Einfluss auf die Versorgungslage, sondern auch politische Entscheidungen erschweren die Warenverfügbarkeit

Normalerweise kann man davon ausgehen, dass bei einer knappen Getreideversorgung der Einsatz von Ölschroten im Futtersektor zulegen wird. Aus der globalen Perspektive gesehen liegt 2018/19 im Gegensatz zu Getreide keine signifikante Knappheit von Ölsaaten/Ölschroten vor. Doch hier beeinflusst vor allem der Handelsdisput zwischen den USA und China das Angebot von Ölschroten hierzulande. Da China derzeit keine Sojabohnen aus den USA importiert, werden Alternativen gesucht, um die Proteinlücke in China zu füllen. So verhandelt die chinesische Regierung aktuell mit vielen Staaten weltweit, um den Marktzugang von Ölschroten für den chinesischen Markt zu ermöglichen. Dieses betrifft sowohl Sonnenblumenschrot aus den wichtigsten Exportländern wie auch die Möglichkeit, Sojaschrot aus Argentinien zu importieren. Argentinien ist der wichtigste Exporteur von Sojaschrot weltweit und mit der wichtigste Ursprung für die Versorgung des deutschen Marktes und des EU Marktes. Wenn nun im Laufe des Jahres 2018/19 deutlich mehr Ölschrote nach China exportiert werden sollten, stehen dem deutschen Markt weniger Ölschrote zur Verfügung.

Ein Ausbruch von Tierseuchen oder hohe Rückgänge der Tierbestände in Deutschland kann die Nachfrage nach Getreide senken

Das knappe Versorgungsbild in Deutschland 2018/19 setzt natürlich voraus, dass auch die Tierbestände in Deutschland nicht signifikant einbrechen. Ein großes Risiko für den deutschen Markt ist wie auch schon im Vorjahr der Ausbruch der afrikanischen Schweinepest. Auch die Anzahl der Rinder könnte aufgrund der unterdurchschnittlichen Futterversorgung in Deutschland leicht rückläufig sein. Ein deutlicher Rückgang der Tierbestände führt automatisch zu weniger Futterbedarf und würde dadurch die Angebotslücke kleiner werden lassen als jetzt im September 2018 erwartet.

Festzuhalten bleibt für 2018/19, dass die Sicherstellung der Versorgung vor vielen Herausforderungen steht. Das Getreideangebot ist knapp und der Einfluss der Politik ist so hoch wie schon sehr lange nicht mehr. Dieses sorgt vor allem für große Unsicherheit an den Märkten und dadurch auch zu hohen Preisausschlägen. Rein aus der aktuellen Angebots- und Nachfragesicht betrachtet ist die Versorgungslage in Deutschland so knapp wie schon lange nicht mehr. Nur ein deutlicher Rückgang der Tierbestände könnte die Marktlage noch erheblich verändern.

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Es handelt sich bei der obigen Analyse ausdrücklich nicht um eine Anlageempfehlung! Der Autor stellt lediglich seine persönliche Meinung nach Bewertung verschiedener Marktkriterien dar. Weder der Autor noch die AGRAVIS Raiffeisen AG können irgendeine Prognose bzgl. der Entwicklung von Rohstoffpreisen abgeben und weisen ausdrücklich darauf hin, dass diese starken Schwankungen unterliegen können und von vielen teils unbekannten Faktoren beeinflusst werden.