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Lahmheiten beim Mastschwein

AGRAVIS aktuell digital 2101

Lahmheiten beim Schwein können in allen Altersklassen auftreten. Ursachen – infektiös und nicht infektiös – gibt es viele. Welche Faktoren Entzündungen der Gelenke auslösen und wie Tierhalter der Entstehung von Lahmheiten wirksam vorbeugen können, erklären Dr. Sandra Vagt und Michael Ermann, Produktmanagement Schwein bei der AGRAVIS Raiffeisen AG.


Kurz und knapp

  • Bakterielle Infektion: Gelenkentzündungen werden durch vorkommende Bakterien im Stall ausgelöst. Gelangen diese in die Blutbahn, erreichen sie andere Organe oder die Gelenke.
  • Schwierige Diagnose: Lahmheiten werden häufig erst im chronischen Stadium sichtbar. Die Infektion erfolgt im Saugferkelalter oder im Flatdeck ohne Symptome.
  • Effektive Prophylaxe: Tierhalter müssen Keimeinträge auf ein Minimum reduzieren und die Kolostrumversorgung sicherstellen. Saubere Instrumente und Kanülen beim Kastrieren, Impfen, Kupieren und Zähneschleifen sind daher die effektivste Methode, um Keimeinträgen vorzubeugen.

Einmal grundsätzlich: Welchen Einfluss kann die Fütterung auf die Knochenentwicklung nehmen?

Ermann: Eine bedarfsgerechte Fütterung der Mastschweine in den jeweiligen Phasen kann einen erheblichen Beitrag zum gesunden Skelettaufbau leisten. Für eine ausreichende Knochenmineralisierung werden Calcium (Ca) und Phosphor (P) benötigt. Außerdem sind Spurenelemente wie Eisen, Zink, Kupfer, Mangan und B-Vitamine erforderlich. Eine Über- und Unterversorgung sowie ein falsches Verhältnis der Mineralien zueinander können sich negativ auf das Knochenwachstum auswirken.

Wirken sich sehr stark reduzierte Phosphor-Gehalte negativ auf die Knochenentwicklung aus?

Ermann: Schweine haben einen Bedarf an verdaulichem Phosphor, der auch unter sehr starker P-Absenkung gedeckt werden kann. Voraussetzung ist ein Fütterungskonzept, das dem Bedarf an verdaulichem Phosphor beim Schwein entspricht. Dieses beinhaltet einen standardmäßigen Phytase-Einsatz und eine möglichst exakte Bestimmung der P-Gehalte aus den Rohwaren. Betriebe, die ihr hofeigenes Getreide verfüttern, müssen auch den P-Gehalt untersuchen lassen. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass reduzierte Phosphor-Sicherheitszuschläge im Futter den Anspruch ans Fütterungsmanagement auf den Betrieben erhöhen. Außerdem muss sichergestellt werden, dass die kalkulierte Futtermenge je Tier und Tag aufgenommen wird. Ein längerer Ausfall der Fütterungstechnik, ein unpassendes Tier-Fressplatz-Verhältnis, Krankheiten oder Stresssituationen reduzieren die Futteraufnahme und können einen P-Mangel begünstigen.

Gelenkentzündungen können für die betroffenen Tiere äußerst schmerzhaft sein. Eine Möglichkeit für die Entstehung ist der Eintritt von Keimen über unscheinbare Hautverletzungen wie zum Beispiel aufgescheuerte Karpalgelenke. Höchstes Augenmerk sollte auf die Prophylaxe gelegt werden.

Wie kommt es zu Infektionen der Gelenke?

Dr. Vagt: Viele Bakterien, die zu Gelenkentzündungen (Arthritis) führen, gehören zu der physiologischen Mikroflora der Haut oder Schleimhäute des Schweins. Negative Umweltfaktoren wie Stress, geringer Immunstatus und ungünstiges Stallklima fördern die massive Vermehrung dieser Keime. Im zweiten Schritt gelangen diese in die Blutbahn und erreichen somit andere Organe oder auch Gelenke. Eine weitere Möglichkeit für die Entstehung von Gelenkentzündungen ist der Eintritt von Keimen über unscheinbare Verletzungen wie zum Beispiel nach Rangkämpfen. Typische Eintrittspforten im Ferkelalter sind Nabel, Maulschleimhaut, Zahnpulpa, Gelenke, Kastrationswunden und Hautverletzungen. Erreichen die Bakterien die Blutbahn, folgt eine Verteilung im Organismus und die Ansiedlung in Organen wie Herz, Gehirn und Lunge und den Gelenken.

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Was sind erste Anzeichen einer Gelenkentzündung?

Dr. Vagt: Entzündungen gehen immer mit typischen Entzündungssymptomen einher: Rötung, vermehrte Wärme, Schwellung, Schmerz und gestörte Funktion des betroffenen Gewebes. Geschwollene Gelenke beziehungsweise gelenknahe Schwellungen können von festen Kapseln umgeben sein, aber auch flüssigkeitsgefüllt sein (fluktuierend). Betroffene Gelenkbereiche können schmerzhaft verändert sein, das heißt die Tiere sind dort besonders druckempfindlich. Je nach Keim können ein oder mehrere Gelenke gleichzeitig betroffen sein. Auch der Krankheitsverlauf ist sehr individuell und hängt vom jeweiligen Bakterium ab: Einige Keime können Fieber auslösen, andere wiederum stören das Allgemeinbefinden und die Futteraufnahme geht zurück.

Was macht die Diagnostik von Gelenkinfektionen so schwierig?

Dr. Vagt:Lahmheiten werden häufig erst beobachtet, wenn die Schäden am Knorpel beziehungsweise am Knochen bereits in ein chronisches Stadium übergegangen sind. Die Infektion erfolgt häufig im Saugferkelalter oder im Flatdeck ohne Symptome. Es bedarf eine Zeit, bis die Keime den Knorpel oder andere Strukturen des Bewegungsapparates geschädigt haben. Mit zunehmendem Gewicht nimmt die Belastung auf die betroffenen Gelenke zu – erst jetzt werden Lahmheiten sichtbar. Zu diesem Zeitpunkt sind die eigentlichen Verursacher häufig nicht mehr im Gelenk vorhanden. Zudem sind beispielsweise Haemophilus parasuis oder Mycoplasmen sehr anspruchsvoll in der Anzüchtung im Labor. Am besten eignet sich die Entnahme von Gelenkflüssigkeit nicht vorbehandelter Schweine mit dem typischen Krankheitsbild, wobei eine ausreichend große Stichprobenanzahl wichtig ist. Der alleinige Nachweis des Erregers reicht für eine Diagnose der Erkrankung nicht aus. Erst die Kombination aus Symptomen, Pathologie und Erregernachweis ist entscheidend.

Wie sieht die Diagnostik im Labor aus? Welche Parameter werden bestimmt?

Dr. Vagt: Im Labor wird Probenmaterial, zum Beispiel Gelenkflüssigkeit, für eine kulturelle Anzüchtung genutzt. Hierzu wird die Gelenkflüssigkeit auf ein Untersuchungsmedium aufgetragen und unter bestimmten – für den vermuteten Keim ideale – Umweltbedingungeninkubiert. Ist ein Bakterium vorhanden, wächst dieses auf dem Medium und kann anschließend mikroskopiert werden, um den genauen Erreger zu bestimmen. Gemeinsam mit den klinischen Symptomen, den Befunden aus der Sektion, den histopathologischen Veränderungen des Gelenks und des kulturellen Nachweises kann schließlich der ursächlich verantwortliche Erreger bestimmt werden.
Neuere Untersuchungsmethoden wie die Polymerase-Ketten-Reaktion, kurz PCR, erlauben für bestimmte Bakterien einen Nachweis spezifischer Gensequenzen in Tupferproben. Die PCR ist hochsensitiv und kann die DNA des Erregers nachweisen, wodurch eine eindeutige Bestimmung möglich ist.

Wie können Landwirte am besten vorbeugen?

Dr. Vagt: Viele Keime treten durch offene Wunden ein oder können sich erst vermehren, wenn die Umweltfaktoren für das Tier nicht ideal sind. Keimeinträge müssen auf ein Minimum reduziert und die Kolostrumversorgung sichergestellt werden. Besonders beim Kastrieren, Impfen, Kupieren und Zähneschleifen muss auf saubere Instrumente und Kanülen geachtet werden. Die Abferkelbuchtmuss gereinigt und desinfiziert sein. Außerdem soll nach der Geburt auf die Nabelhygiene geachtet und die Umweltbedingungen sowohl im Abferkelstall als auch im Flatdeck optimiert werden.

Warum ist eine optimale Kolostrumversorgung so wichtig, um Gelenkentzündungenvorzubeugen?

Dr. Vagt: Ferkel werden ohne Antikörper geboren und haben auch bis zu einem Alter von 35 Lebenstagen kein zu hundert Prozent funktionierendes Immunsystem. Das Kolostrum ist reich an Antikörpern und sorgt somit kurz nach der Geburt für einen ausreichenden Schutz vor Bakterien, Viren und Pilzen – vorausgesetzt es wird in ausreichender Menge in den ersten Lebensstunden von der eigenen Mutter aufgenommen. Ohne diese Antikörper aus dem Kolostrum ist das Ferkel anfällig für Keime und das Infektionsrisiko steigt stark an.

Weitere Informationen gibt es bei...

Dr. Sandra Vagt, Produktmanagerin Schwein
Telefon 0251 682-2182
E-Mail sandra.vagt@agravis.de

Michael Ermann, Produktmanager Schwein
Telefon 0251 682-2252
E-Mail michael.ermann@agravis.de

www.olympig.de