Ölpreis: AGRAVIS-Experte analysiert die aktuelle Situation

Der Ölpreis ist derzeit so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Anfang Dezember erreichte er seinen niedrigsten Stand seit Februar 2010 und lag bei 70 US-Dollar/Barrel Brent. AGRAVIS-Experte AGRAVIS-Experte Matthias Gernt wirft einen Blick auf die aktuelle Situation und erklärt die Gründe für den Preisrückgang.

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Herr Gernt, was sind die Gründe für den stetigen Preisnachlass von Öl?

Matthias Gernt: Der globale Markt ist mit Öl überversorgt – ein sehr großes Angebot trifft auf eine geringere Nachfrage. Laut Daten der Internationalen Energie-Agentur in Paris war die Nachfrage nach Raffinerieprodukten in Europa 2013 um 100 Millionen Tonnen geringer als vor fünf Jahren. Hintergründe sind neben Energiesparmaßnahmen vor allem die schwache Konjunktur in Europa und die Auswirkungen der Finanzkrise.

Gibt es weitere Faktoren, die die Preisbildung beeinflussen?

Matthias Gernt: Ein weiteres treibendes Element für die Überversorgung der internationalen Märkte ist die Schiefergasförderung – insbesondere in Nordamerika. Die Vereinigten Staaten sind mittels Schieferöl auf dem Weg zur Ölautarkie. Ein Indiz dafür ist laut Energie-Informationsdienst die Importqoute der USA, die von 67 Prozent im Jahr 2000 mittlerweile auf 47 Prozent gesunken ist. Der Effekt beschleunigt sich, da die niedrigeren Rohstoff- und Energiekosten zu einer hohen Auslastung der US-amerikanischen Raffinerien führen und Anlagen, die stillgelegt werden sollten, weiter produzieren. Die USA exportieren inzwischen sogar mittlerweile Ottokraftstoffe, die zuvor importiert wurden.

Inwieweit profitieren die Verbraucher von diesen Entwicklungen?

Matthias Gernt: Die Auswirkungen der niedrigen internationalen Ölnotierung erfreuen die deutschen Verbraucher. Heizöl der Standardqualität kostete Anfang Dezember im Bundesdurchschnitt ca. 66 Euro je 100 Liter bei einer Abnahmemenge von 3.000 Litern. Das Preisniveau entspricht der Situation im Herbst 2010. Die niedrigen Preise motivieren den Endverbraucher, vor der Heizsaison die Tanks noch einmal zu füllen. Entsprechend hoch sind die Bevorratungsstände der privaten Haushalte.

Aber auch die Kraftstoffpreise an den Tankstellen befinden sich – im Vergleich zu den vergangenen Jahren – auf sehr niedrigem Niveau. Der Durchschnitt lag beispielsweise am 1. Dezember 2014 in vielen deutschen Städten für Dieselkraftstoff bei circa 1,27 Euro, für Eurosuper E5 bei 1,44.

Wie wird sich der Preis aus Ihrer Sicht weiterentwickeln?

Matthias Gernt: Die Konjunkturaussichten in vielen Teilen der Welt sind eingetrübt, sodass im Markt auch in den kommenden Monaten von einer niedrigeren Nachfrage nach Öl ausgegangen wird. Die Rohstoffmärkte reagieren mit Preisabschlägen auf die skeptischen Konjunkturaussichten.