Wetter bringt Qualitätseinbußen mit sich

Die Witterung in Deutschland hat in den vergangenen Tagen vielerorts für Verzögerungen im Ernteprozess gesorgt. Einige Experten befürchten bereits Qualitätseinbußen bei der Weizenernte. Alfred Reisewitz, AGRAVIS-Experte für den Getreidehandel, wirft einen Blick auf die aktuelle Marktsituation.

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Herr Reisewitz, wie beurteilen Sie die aktuelle Lage bei der Weizenernte?
Alfred Reisewitz: Die bisher in Deutschland geernteten Weizenqualitäten sind größtenteils gut bis sehr gut. Jedoch ist der Proteingehalt im Schnitt rund 1 Prozent niedriger als 2013. Zudem zeigt der Proteingehalt große Streubreiten in den einzelnen Regionen. Die Hektolitergewichte und Fallzahlen sind hoch, Kornanomalien oder Mykotoxinprobleme sind bis jetzt nicht festgestellt worden. Allerdings stehen im Norden und Osten Deutschlands und den süd- und westdeutschen Mittelgebirgslagen noch rund 50 Prozent des Weizens auf den Feldern – regional sogar bis zu 70 Prozent. Daher müssen wir mit Blick auf die unbeständigen Wetteraussichten von einem höheren Risikopotenzial bei den Qualitätsparametern ausgehen. Insbesondere Hektolitergewichte und Fallzahlen können unter diesen Bedingungen leiden. Außerdem steigt das Auswuchsrisiko bei anfälligen Sorten.

Was bedeuten die – möglicherweise – schlechteren Qualitäten für den Handel?
Alfred Reisewitz: Zunächst birgt die schwieriger werdende Erntesituation eine logistische Herausforderung für den Erfassungshandel, da die vom Markt benötigten beziehungsweise stark differierenden Erntequalitäten separiert werden müssen. Sollte es in größerem Umfang Fallzahl- und Hektolitergewichtsprobleme geben, müssen wir uns mit der getreideverarbeitenden Industrie auf technisch mögliche Kompromisse verständigen. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass die Mühlen- und Stärkeindustrie sich bis zu einem gewissen Grad flexibel auf neue Qualitätsbedingungen einstellen kann. Aber auch dort gibt es Grenzen. So gut wie keine Kompromisse gibt es im Exporthandel. Dort werden die Exporteure beziehungsweise die Kunden in den Destinationen auf die Einhaltung der kontraktlichen Werte bestehen. Dies ist auch ein Grund für die in den vergangenen Tagen stark gestiegenen Prämien für gute Qualitäten an den Exportplätzen in Hamburg und Rostock.

Wie bewerten Sie die aktuellen Weizenpreise? Ist der Tiefpunkt schon vorüber?
Alfred Reisewitz: Ein Rückblick in den August 2013 zeigt uns, dass vor exakt einem Jahr der Tiefpunkt der Preise 2013/14 in der ersten Augusthälfte erreicht wurde. Aktuell kann man den Eindruck gewinnen, dass am vergangenen Freitag, 1. August, und Montagmorgen, 4. August, dieser Punkt für die Kampagne 2014/2015 erreicht wurde. Fundamental spricht gegenwärtig nichts für eine Hausse bei Getreide, aber die Argumente für strukturell sinkende Preise werden auch dünner. Zudem haben wir in den vergangenen Tagen den Eindruck gewonnen, dass die Kaufbereitschaft auf den aktuellen Preisniveaus in der Industrie deutlich zugenommen hat. Abschließend muss ich sagen, dass ich diese Frage erst in einem Jahr eindeutig beantworten kann.

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